Ramblings, findings, opinion and the occasional fact.

Latest: Dieses Jahr ging der Gutenberg-Preis an mich

#36 Gutenberg-Preis 2026

Erik Spiekermann erhält den Gutenbergpreis der Stadt Mainz

(K)eine Laudatio

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Haase, liebe Gäste aus Mainz und der Welt, lieber Erik, liebe Susanna, liebes Publikum, als ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen kann, Erik Spiekermann zu laudatieren,sagte ich sofort ja“, schließlich wünsche ich ihn mir schon lange als Gutenbergpreisträger der Stadt Mainz. Als ich dann anfing, Ideen zu sammeln, merkte ich:

Erik ist so ganz und gar nicht der Typ für die wohlfeile Aneinanderreihung seiner Verdienste und Leistungen – obwohl es die zuhauf gibt. Erik ist ein Macher, ein Arbeiter, ja, fast ein Getriebener – und ganz und gar nicht der Typ honoratioriger Geehrter“. Diese Preise haben ja immer etwas Lebenswerk-krönendes, damit aber auch etwas von Abgesang. Und dafür ist Erik Spiekermann viel zu agil und viel zu sehr mittendrin: Mittendrin in seinem Drucksaal. In seinem Leben voller Energie, immer offen für alles Neue. Und deshalb gibt es keine Laudatio, sondern eine Lektion:

Lernen von Erik.
Was habe ich von ihm gelernt und was können wir alle von ihm lernen? Und das ist ganz schön viel.„Don’t work for assholes, don’t work with assholes“– eines seiner ikonischen Plakate und die erste Lektion. Erik selbst hat die hart gelernt. Better done than perfect.“„Use your fucking brain!“ Alles Botschaften auf Blei- oder Holzsatz-Plakaten, die in seiner Werkstatt entstehen und in Agenturräumen und Coworking Spaces hängen, wo immer ich hinkomme.

Lernen von Erik.
Weil wir jetzt ins Deutsche wechseln, ein Hinweis: Erik redet nur mit Menschen, die er mag. Und wen er mag, den duzt er, also verwende auch ich jetzt das Du.

Lernen von Erik:
Hinterfrage alles! Nicht destruktiv, sondern aus Neugier. Glaube nicht, was Autoritäten sagen. Glaube überhaupt nicht, dass etwas einfach so ist. Bau es auseinander. Setz es wieder zusammen. Verstehe Hintergründe. Erkunde Phänomene. Nutze die Kraft der Analogie. Geh auf die Metaebene! Sei unbequem. Sammele nie nur Wissen, suche Antworten auf Fragen. Hinterfrage diese Antworten.

Erik selbst denkt schon immer so. Spätestens in Zeiten von KI sollten wir alle das von ihm lernen. Wenn du Fahrräder liebst, beginne, sie zu sammeln, Mach dich auf die Suche nach dem besten Fahrrad der Welt. Und wenn du es nicht findest, bau es selbst! Mach dasselbe mit Uhren und Seilzügen an Bücherregalen. Mit Münzen oder Flaggen.„Das habe ich noch nie gemacht“ nimm es als Aufforderung, nicht als Ausrede! Wenn sechs Fahrräder auf einem einzigen Straßenparkplatz für Autos vor deiner Agentur abgestellt werden können, dann stell einen Fahrradständer hin! Wenn die Regler des ruhenden Verkehrs deinen Fahrradständer abbauen wollen, schraub ihn fester an. Verkehrswende kann so einfach sein. Wenn du wegziehst in andere Agenturräume und der Fahrradständer lässt sich nicht mehr abschrauben, weil ja schließlich du ihn so fest verankert hast, lass ihn da – andere freuen sich. Es geht nie nur um dein Fahrrad.

Erik war sicher kein einfacher“ Schüler. Wahrscheinlich war er nie und nirgends einfach“. Erik ist kein Bildungskarrierentyp. Ihm geht es nicht um den Abschluss, sondern um den Anschluss. Den Anschluss an Menschen und Phänomene. Es geht ihm auch immer um den anschließenden Schritt – und der darf gerne in eine neue Richtung führen. Erik will alles verstehen, alles und jetzt sofort. Er fragt viel, er versteht schnell – und dann macht er! Arbeitet schon als Schüler in einer Druckerei. Wünscht sich zum Geburtstag Bleisatz. Taucht tief und tiefer ein in das System Typografie. Bis er die Grundsätze versteht. Beherrscht. Und die Typografie-Szene prägt. Dann kündigt ein genialer Amerikaner einen neuen Computer an und Erik ahnt, dass hier gerade eine Revolution vor der Tür steht: Desktop Publishing. Wenn ihn dauernd Gestalter bitten, von irgendwo nach irgendwo Schriften mitzubringen, zieht er Schlüsse daraus: Digitale Schriften werden nicht mehr mit Satzmaschinen verkauft werden. Es wird einen freien Markt für Fonts geben. Wenn das in der Luft liegt, gründe einen Schriftenvertrieb!

Mach alles anders als die anderen. Behandele Fonts wie gestaltete Kulturprodukte. Setz’ radikale Gestaltung ein – und hoch professionelle Vertriebsstrukturen. Mach’ digitale Typografie massentauglich! Definiere den Markt für Schriften neu!

Wenn Gutenberg den Lettern das Laufen beigebracht hat, dann lehrte Erik sie das Fliegen.

Als digitaler Vordenker inszeniert er das klassische Schriftmusterbuch neu. Beauftragt die Crème de la Crème der Kreativszene der Neunziger: die Inszenierung digitaler Fonts in analogen Sammlerstücken. Während andere rein technisch Fonts verkaufen, inszeniert FontShop Typografie kulturell – und bald ist das FontBook dicker als die Kataloge von Quelle, Otto und Neckermann. Daneben kuratiert FontShop eine hauseigene Schriften-Bibliothek: FontFont. Macht Schriftentwerfer zu Stars und Schrift zu einem gesellschaftlichen Thema! Wenn Schrift aus der Nische heraustritt dann schaffe eine Bühne! Erfinde die Type-Conference Typo Berlin. Erik – selbst eher der analytisch-konstruktive Entwerfer von Systemen – versammelte um sich die Kreativstars einer Ära, er machte sie groß – und damit die Grafikdesignszene sichtbar.

Hätte er die Typo Berlin auf den 24. Dezember gelegt, es hätte keine und keinen von uns davon abgehalten, ins Haus der Kulturen der Welt zu kommen!

Überhaupt waren die Begegnungen am Rande der Typo die schönsten Familienfeste“ ever. Für Erik flogen die Topkreativen um die halbe Welt –und die Welt des Grafikdesign profitierte davon! Freundschaften aufbauen und pflegen – auch das kann man von Erik lernen. Er kann andere groß sein lassen. Kann Menschen machen lassen, wachsen lassen durch Vertrauen! Und dann wachsen sie. Und wachsen ihm ans Herz. Etliche sind heute nur für ihn nach Mainz gekommen.

Wenn in England ein anderer Agenturtypus gedeiht, große Agenturen für große Jobs in großen Unternehmen – eine Professionalisierung des Designs, dann überträgt Erik das – und gründet in Deutschland.

Weil seine Beobachtung richtig ist, weil seine Begeisterung ansteckt und weil er einen Riecher für gute Leute hat und die findet und einbindet, wird MetaDesign schnell groß und größer – und Grafikdesign wird gesellschaftlich sichtbar. Eine Zeit lang hat jeder, wirklich jeder Kreative, den ich kennenlernte, mit Erik für die Berliner Verkehrsbetriebe gearbeitet – gelb war neben feuerwehrrot die zweite Erik-Farbe. FontShop und BVG – alles muss man gelber machen.

Bei MetaDesign lernen, das war damals die Hohe Schule“ und wir in der Szene beobachteten, was wir Metastasen“ nannten: unendlich viele Neugründungen, inspiriert und angefixt von Erik – und ihm immer verbunden bleibend. Aber – und auch das kann oder muss man von ihm lernen – Begeisterung kann den Blick verengen. Machenwollen und Ärmel hochkrempeln, Entrepreneurship und vielleicht auch die Annahme, dass andere die eigene Begeisterung immer teilen – das kann dazu führen, dass man sich in Menschen täuscht. Jeder Gutenberg hat seinen Fust. Denjenigen, der denkt, es wäre doch nun wirklich wichtiger, Geld zu verdienen, als neue Ligaturen zu gießen oder Verbindungen draußen zu knüpfen.

Und plötzlich ist die Werkstatt“ weg. Lernen von Erik heißt in dieser Phase, mit Enttäuschungen umgehen lernen. Wieder mal neu anzufangen. Nie aus dem Machen-Modus“ rauszugehen. Lernen von Erik heißt aber auch: Wer nicht brennt für das, was er oder sie bewegen will, also für den Inhalt der Unternehmung … wer das, was er oder sie tut, vor allem unter den Gesichtspunkten der Skalierbarkeit, Effizienz und der finanziellen Trag- und Ertragskraft sieht, wird nie eine Strahlkraft aufbauen, die von innen leuchtet. Und so ging mit Erik der Glanz von Meta.

Das Ende einer Ära war auch der Verkauf von FontShop. Monotype hielt nach der Übernahme die sich durchaus selbst tragende Typo-Konferenz für weniger wichtig – und die Branche verlor ihren Herzschritt­macher. Den Rhythmusgeber des Jahres, den Leuchtturm. So was ist dann weg – und gar nicht leicht, wiederaufzubauen.

Aber wir wollen ja weiter von Erik lernen: Wenn deine Druckerei abbrennt, wenn Wasser im Keller oder ein Einbruch in die Agenturräume dir vermeintlich alles nehmen, erkenne: das können solche Ereignisse gar nicht! Du bist du – fang woanders neu an. Egal, was passiert: fang neu an!

Von Erik lernen hieß für mich vor mehr als dreißig Jahren ihm beim Zurichten einer Schrift über die Schulter schauen dürfen. Und weil ich keine Ahnung von Typografie, dafür aber ein ganz gutes Architekturdiplom hatte, übersetzte er mir Typografie in Analogien aus der Architektur – der Funke sprang nachhaltig über – die Architektin wurde Typografie-Verlegerin!

Es wundert mich nicht, dass Erik seinerseits irgendwann sein Traumhaus entworfen und gebaut hat. Und wenn Erik sich eine neue Disziplin erschließt, geht er den Dingen auf den Grund. Er ackert sich so lange durch die Bauordnung Berlins, bis er einen Weg findet, sie für seine Planung und sich zu nutzen. Er jongliert mit Geschosshöhen und Halbgeschossen, bis das vom Amt zu Verunmöglichende eben möglich – und genehmigt! – wird. Ein schmales Townhouse, viel Glas, klare Linien, Mut zu langen, schmalen Räumen, kühlen Materialien, viel Licht – Erik Spiekermann hätte sich auch als Architekt einen Spitzenplatz erobert. Auch das kann man von ihm lernen: Erschließe dir immer wieder neue Welten, stelle dich neuen Herausforderungen, wenn du klar denken kannst, kannst du alles lernen!

Das Haus ist übrigens zu verkaufen.

Von Erik lernen, heißt in Bewegung bleiben: rein körperlich mit Yoga und Radfahren, mental mit Offenheit für Neues. So lud sich vor Jahrzehnten der Digitalpionier Erik Spiekermann, derjenige, der später den ersten Mac in Deutschland orderte, für eine lange Reise so viel Musik auf seinen Computer, dass es bis nach Südfrankreich keine Wiederholung gab. Lange bevor der iPod uns unendlich Musik auf die Ohren gab …

Und was macht der Pionier des Digitalen heute? Im weißen Kittel steht er in seiner analogen Letterpress-Werkstatt p98a und druckt. Hacking Gutenberg! Er kombiniert Holz- und Bleisatz und druckt Plakate und Bücher. Schöne Bücher. Haptische Bücher. Er verlegt wertige Sammlerstücke in einer Welt, die durch Konsumwahn und Plattformen wie Amazon oder Temu ebenso verseucht wird wie durch die unreflektierte Nutzung von KI. Da schließt sich der Kreis.

Von Erik lernen, heißt: alles offen beobachten. Dann das Denken nicht vergessen. Und Stellung beziehen,auch, wenn das unbequem ist. Und dann machen​.In diesem Fall eben schöne Bücher. Bücher, die es wert sind, im Neubau des Gutenbergmuseums gesammelt und gezeigt zu werden. Und nicht nur dort: Gönn dir eine Sammlung guter Bücher – auch das kann man von Erik lernen. Nicht als bildungs­bürgerliches Statussymbol, sondern weil das Lesen von Texten dem Denken eine andere Art Nahrung gibt als Scrollen, Swipen und Snippets das je können.

Mit jeder Serverfarm, die kalifornische Tech-Milliardäre zur weiteren Enteignung von kreativen Urhebern und zur weiteren Unterwanderung des eigenen Denkens bauen, wächst der Wert des Buches, an dessen Inhalt und Form Menschen miteinander gearbeitet, geschliffen, gestaltet und verarbeitet haben: das Erbe Gutenbergs!

Ich gratuliere dem Gutenbergpreisträger 2026, ich gratuliere Erik Spiekermann von ganzem Herzen!


Karin Schmidt-Friderichs

Karin hat mir erlaubt, diese Nicht-Laudatio zu veröffentlichen.



 



#34 Berlin ist gelb

Spiekermann vor einem Stationsschild im neuen Design, 1993

Vor 30 Jahren rollte die erste Straßenbahn in der damals neuen BVG-Farbe im Linienverkehr durch Berlin – Heute sind die Fahrzeuge im einheitlichen Design längst ein fahrendes Wahrzeichen

Die Daten sind nüchtern. Es war der 31. Januar 1994. Der Zug trug die Fahrzeugnummer 5143. Die Premierenfahrt ging auf die Linie 50. Und doch handelt es sich erkennbar um ein Stück Geschichte, denn vieles, was damals bei der BVG passierte, ist längst Vergangenheit. Die Tatra-Bahnen – ausgemustert. Der Betriebshof Niederschönhausen, auf dem die Bahn startete – stillgelegt. Der Verlauf der Linie 50 von Buchholz, Kirche zum U‑Bahnhof Schwartzkopffstraße – lange überholt von der Netzentwicklung.

Geblieben ist die Farbe. Ihre Norm-Bezeichnung lautet 1023 oder prosaisch Verkehrsgelb“. Ihr viel schönerer Name, der sich seit 30 Jahren durchgesetzt hat, lautet Sonnengelb“. Heute sind tausende Busse, Straßenbahnen und U‑Bahnen der BVG in dem einheitlichen Design unterwegs. Sie sind ein Wahrzeichen der Stadt, unverkennbar und unverwechselbar. Ob in Hollywood-Filmen oder auf Touristen-Fotos, wenn Berlin ins Bild gerückt werden soll, darf ein gelbes BVG-Gefährt eigentlich nicht fehlen. Sie sind Teil der optischen Identität der Stadt und für die BVG ein wesentlicher Faktor ihres Erscheinungs­bildes, von den Fachleuten Corporate Design genannt und von den Fahrgästen schon seit dem Start geliebt. So erinnert sich ein damaliger Tramfahrer gern an den Kommentar einer Dame: Ach wie schön, auch an trüben Tagen fährt ein Sonnenschein durch unsere Stadt.“

Mit unserem Gelb sind wir für Berlin schon fast ikonisch. Kaum ein anderes Unternehmen prägt das Bild unserer Stadt so wie wir“, sagt Henrik Falk, Vorstandsvorsitzender der BVG. Mit unserem klaren und unverwechselbaren Auftritt, unseren Bussen, Trams und U‑Bahnen bieten wir Fahrgästen und Berliner*innen Orientierung, Klarheit und Herz.“

Der Vater dieses Designs, das neben den einheitlich lackierten Fahrzeugen auch zahlreiche Symbole, die unverkennbaren und immer noch hochmodernen Schrifttypen und weitere Elemente umfasst, heißt Erik Spiekermann. In Interviews wird er meist als Typografie-Papst“ untertitelt. Dass er der wiedervereinigten BVG Anfang der 1990-er Jahre eine neue Schrift verpasste, ist also kein Wunder. Aber warum das Gelb?

Im Volksmund – also in der BZ – hießen die Doppeldecker immer Die großen Gelben, aber sie waren beige. Ich nannte es Beamtengelb“, erinnert sich Erik Spiekermann. Als ich Konrad Lorenzen vorschlug, die Busse und alle anderen Fahrzeuge wirklich gelb zu lackieren, war er sofort einverstanden. Die Farbe hieß offiziell RAL Verkehrsgelb, aber wir nannten sie Sonnengelb und am Tag nach der Pressekonferenz titelten die Zeitungen: Die BVG bringt Sonne in die Stadt. Das ist eigentlich schon die Marke: Wo ein gelbes Fahrzeug kommt, kann man einsteigen.“


Zwei Berliner Wahrzeichen: Doppeldecker Bus und Gedächtniskirche


Tatsächlich gab es in der Geschichte der BVG schon vorher viel Gelbliches – vor allem aber keine markante Markenfarbe“. Busse fuhren in beige oder korrekter Elfenbein“. Bei den Bahnen gab es im Laufe der Jahrzehnte eine ganze Vielzahl von unterschiedlichen Farbgebungen, meist entschied man sich aus verständlichen Gründen für helle, gut erkenn­bare Farben. 

Nach Gründung der BVG wurde in den 1930er-Jahren bei der U‑Bahn mehrheitlich ein dunkles Ockergelb eingesetzt, zeitweise gab es noch unterschiedliche Lackierungen für Raucher- und Nichtraucherwagen. Straßenbahn und Bus fuhren in Elfenbein mit schwarzen Streifen. Die Tatra-Bahnen in Ost-Berlin wurden zunächst in Rot-Weiß geliefert, zur 750-Jahrfeier Berlins 1987 aber in Orange-Weiß umlackiert.

Diesem Wirrwarr machte das neue Design nach dem Fall der Mauer und mit der Zusammenführung der Verkehrsbetriebe aus Ost und West ein Ende. Bereits 1993 hatte Erik Spiekermann die neue, einheitliche Farbe vorgestellt, nachdem er zuvor bereits das neue Leitsystem und die sogenannte Netzspinne“ für die BVG entworfen hatte. Die erste Linienfahrt der Straßenbahn im Spiekermann-Design“ wurde noch zelebriert. Pankows Bezirksbürgermeister Dr. Jörg Richter, Straßenbahnchef Dr. Wolfgang Predl und BVG-Chef Konrad Lorenzen durchschnitten feierlich ein Band – natürlich ein sonnengelbes.

Knapp ein Jahr nach der ersten Straßenbahn, am 10. Januar 1995, fuhr dann – offenbar ohne größere Feierlichkeiten – übrigens der erste Bus in sonnengelber“ Lackierung durch die Stadt. Und mit den neuen U‑Bahnbaureihen H und HK hielt die Farbe Mitte der 90er-Jahre auch erstmals in den U‑Bahn­tunneln Einzug. Alle späteren Fahrzeugbaureihen von U‑Bahn, Bus und Straßenbahn wurden seitdem natürlich gleich im einheitlichen Design bestellt und geliefert.

Neue Straßenbahn
Alte Straßenbahn aus den 80ern, neu gelb lackiert















35 Jahre nach der Wende und der Neugestaltung des Fahrgastinformationssystem der BVG erschien das Buch über diese Arbeit. Inzwischen ist Berlin gelb.
 

#35 You’re Doing Too Much; Design as Infrastructure

Marcel McVay approached me after my talk at the DDX conference in San Diego, September 2025. What was meant just to be a polite exchange turned into one of the most interesting discussions about design and designers I’ve ever had. Marcel surprised me by pointing out what he thought was the essence of my short presentation, which I thought had gone way over the heads of the audience. Not because my talk was so clever, but because I thought that my observations were far too specific – too European, too Old-White-Man, too philosphical. No mention of AI, no fast-moving videos, just a few thoughts. It felt good that I had not totally wasted my time, nor obviously Marcel’s. 
Below is what he made of my presentation. I did have the catchy title of Five Lessons Learned After Fifty Years, but as you’ll see, I threw in one more – so now there’s half a dozen.

***

Marcel publishes a very cool blog/website/homepage called Signal+Static: all white monospaced type on black with cryptic illustrations. See for yourselves: sig​nal​sta​t​ic​.net

Thank you, Marcel, for letting me re-publish your re-view.
 


Erik Spiekermann didn’t come to DDX to talk about trends. He came to talk about gravity. The physics of design infrastructure. How do you create and lead work that lasts?

Fifty years of work has a way of grinding the lacquer of hype off a discipline, leaving what was actually load-bearing. What remains is structure, consequence, and a sharp sense of what stands through time. Spiekermann’s talk, framed as lessons learned,” was less a retrospective than a reminder: design is not an aesthetic layer. It is human infrastructure.

There’s something you should know about Erik. He’s blunt, he’s to the point. His voice cuts to the bone because it has spent decades inside the system. When I told him I liked his attitude, he replied simply, What attitude? I’m German.” It mirrors how he designs, and how he runs his firm. So let’s get to it — Erik’s Five Lessons from Fifty Years in the biz.

Attitude as Infrastructure
The first lesson was about attitude. Treat people well. Credit them. Do not pretend you are self-sufficient.

Over decades, students become clients, clients become collaborators, collaborators become teachers. Reputation always compounds, whether that is accolade or abuse. You don’t get to opt-out of the math.

This was framed as the ethics of systems thinking. Like a virus, if you poison the network, the signal degrades everywhere.

Compatibility
When a client calls and the room goes quiet, something is broken. Internal eye rolls are not personality problems. They are a symptom of systemic misalignment.

Spiekermann was direct about the cost of working with people you know will be wrong for you or your team. Greed and necessity tempt us into bad alignments, and as designers we’re great at rationalizing both. But those projects rarely pay in money or meaning.

Design leadership needs the discipline to say no early and comfortably, despite an apparent loss in revenue. The cost will, inevitably, be more than the pay.

Branding Is Simpler Than You Think
Erik stripped mystique off branding. Branding, he argued, is simple because humans are simple. Complexity in branding more often signals insecurity than sophistication.

We recognize color, rhythm, and repetition long before we parse messaging. Berlin is yellow. London buses are red.

Deutsche Bahn is white, black, and red, recognizable even without a logo. One clear idea, consistently applied, can outlive teams, governments, and technologies. Complexity lives in execution, not in the core concept.

Typography as Nervous System
Typography — constantly misunderstood as an ornament, as something to apply after” — Erik frames as nervous system.

Type works when people don’t notice it consciously. Its success is felt, not declared. Spiekermann described the pleasure of anonymity here: drinking from a cup printed in a typeface he designed, uncredited, yet instantly legible to those who know. That invisibility was the point. Infrastructure works best when it disappears into use.

Work Is a Gas
That Erik works so quickly is not superhuman talent. It’s a technique fueled by sharp and deliberate intent.

Many of his examples were two-hour projects, executed immediately. He demonstrated, through a rapid slideshow of 20-minute projects, that ideas will take as long as the permission you give them.

Constraints sharpen judgment. Pressure clarifies decisions. Work, he reminded the room, behaves like a gas. It expands to fill the time you give it.

This was not an argument for burnout, but for intentional pacing. Artificial urgency can sometimes produce a truer focus than an endless runway.

Teams and The Rule of Seven
More people do not equal faster outcomes. Beyond a team of seven, coordination costs balloon. Communication splinters and responsibility blurs. Design, at scale, is as much about metabolic regulation as output.


What made the talk land was how little it relied on nostalgia. There was no lament for a lost golden age of print, no anxiety about AI tools. Spiekermann’s lessons translate cleanly into the post-AI landscape because they were never tool-dependent to begin with. They have always been about human systems under pressure. (Regular readers will read that as cyborg systems.)

In a conference, and era, filled with agents and automation, his talk grounded the room. Design survives acceleration when it is treated as infrastructure. Social, cognitive, and cultural — it’s the stuff you only notice when it fails.

If you want to design for the future, build things that can be trusted to disappear.
 

#33 World Bicycle Day/ Weltfahrradtag: 3 June/Juni

Our single speeds for daily use

(deutscher text weiter unten)

On 12 June 1817
, Baron Karl von Drais rode his running machine (Laufmaschine) from Mannheim on the Rhine to a guesthouse less than 8km (ok: 5 miles) away. His machine – appropriately called a Draisine in English – didn’t have pedals, so he had to push himself forward with his feet on the ground. He was still faster than a pedestrian, covering that distance in just over an hour.

A few more inventions made the bicycle the most efficient way to turn human energy into distance travelled. By the 1880s, the chain drive was commonplace. John Boyd Dunlop’s invention of the pneumatic tyre in 1888 had made it possible to navigate the bumby roads of the time. Bicycle wheels can hold up to 700 times their own weight, making them one of the strongest man-made structures we know. In 1933, the dérailleur was ultimately perfected, with a relatively dependable version produced by Tullio Campagnolo.

When in 1902, Henry Ford introduced his Tin Lizzy automobile, the bicycle as transport for the common man and woman was quickly replaced by an obsession with the car. Automobiles, in spite of their name, are not the most efficient mode of transport. One hundred calories can power a cyclist for five kilometers, where the same amount of energy would only move a car for 85 meters. A bicycle can be up to five times more efficient than walking.

Even if you ignore all the health benefits and the fact that a fast-moving cyclist will not emit anything more harmful than sweat, a bicyle is the most efficient way to get around our towns.

One example: my son’s house near Newington Green in North London is 10 km away from his mother’s flat off Kensington High Street. He walks to Highbury Islington, takes the Victoria and then the Circle Line, arriving at High Street Ken around 45 minutes later. Average speed in London traffic last year was 12.6 kmh (or 7.8 mph) so during a normal day (does that even exist?) a car would also take at least 45 minutes. On my cheap single-speed bicycle, however, I get there in 35 minutes, and that even during bad traffic (when is it not?). From years of experience I know that I ride at an average speed of 22 km/h (14 mph) in a city like London, allowing for stops at lights (admittedly not at every one all the time) and the occasional emergency stop caused by pedestrians crossing the street while gazing at their smartphones. One revolution of the pedal moves my bicycle forward by about 6.5 meters – my London bike has a ration of 3:1 between the chain ring (48 cogs) and the single gear at the back (16 cogs). To get from Islington to Kensington takes 1600 turns of the pedal, using around 210 calories for the distance.

Cycling not only improves your physical health but also your mental outlook. Riding my bicycle gives me sense of accomplishment and a feeling of independence. I regret every day that I cannot get onto one of our 16 bicycles (at last count, distributed across four cities). And all of those together didn’t cost as much as half a second-hand car.

Enough reasons to celebrate the bicycle on its 2009th birthday.
https://​www​.un​.org/​e​n​/​o​b​s​ervan…

Am 12. Juni 1817 fuhr Baron Karl von Drais mit seiner Laufmaschine von Mannheim am Rhein zu einem weniger als 8 km entfernten Gasthaus. Seine Maschine – im Englischen passenderweise Draisine genannt – hatte keine Pedale, sodass er sich mit den Füßen auf dem Boden vorwärtsstoßen musste. Er war dennoch schneller als ein Fußgänger und legte diese Strecke in etwas mehr als einer Stunde zurück.

Einige weitere Erfindungen machten das Fahrrad zum effizientesten Mittel, um menschliche Energie in zurückgelegte Strecke umzuwandeln. In den 1880er Jahren war der Kettenantrieb bereits gang und gäbe. John Boyd Dunlops Erfindung des Luftreifens im Jahr 1888 hatte es möglich gemacht, die holprigen Straßen jener Zeit zu bewältigen. Fahrradräder können bis zum 700-Fachen ihres Eigengewichts tragen, was sie zu einer der stabilsten von Menschenhand geschaffenen Konstruktionen macht, die wir kennen. Im Jahr 1933 wurde die Kettenschaltung endgültig perfektioniert, mit einer relativ zuverlässigen Version, die Tullio Campagnolo zusammenbaute.

Als Henry Ford 1902 sein Tin Lizzy-Automobil vorstellte, wurde das Fahrrad als Transportmittel für den einfachen Mann und die einfache Frau schnell durch die Begeisterung für das Auto verdrängt. Automobile sind, trotz ihres Namens, nicht das effizienteste Transportmittel. Hundert Kalorien können einen Radfahrer fünf Kilometer weit bringen, während die gleiche Energiemenge ein Auto nur 85 Meter weit bewegen würde. Ein Fahrrad kann bis zu fünfmal effizienter sein als das Gehen.

Selbst wenn man alle gesundheitlichen Vorteile außer Acht lässt und die Tatsache, dass ein schnell fahrender Radfahrer nichts Schädlicheres als Schweiß ausstößt, ist das Fahrrad die wirksamste Art, sich in unseren Städten fortzubewegen.

Ein Beispiel: Das Haus meines Sohnes in der Nähe von Newington Green im Norden Londons liegt 10 km von der Wohnung seiner Mutter an der Kensington High Street entfernt. Er läuft nach Highbury Islington, nimmt die Victoria Line und dann die Circle Line und kommt etwa 45 Minuten später an der High Street Ken an. Die durchschnittliche Geschwindigkeit im Londoner Verkehr lag im letzten Jahr bei 12,6 km/h, sodass an einem normalen Tag (gibt es den überhaupt?) ein Auto ebenfalls mindestens 45 Minuten brauchen würde. Auf meinem einfachen Single-Speed-Rad komme ich jedoch in 35 Minuten dorthin, und das sogar bei dichtem Verkehr (wann ist das nicht der Fall?). Aus jahrelanger Erfahrung weiß ich, dass ich in einer Stadt wie London mit durchschnittlich 22 km/h fahre, wobei ich Stopps an Ampeln (zugegebenermaßen nicht immer an jeder) und gelegentliche Notbremsmanöver einkalkuliere, die durch Fußgänger verursacht werden, die die Straße überqueren, während sie auf ihre Smartphones starren. Eine Umdrehung des Pedals bringt mein Fahrrad etwa 6,5 Meter voran – mein Londoner Fahrrad hat ein Übersetzungsverhältnis von 3:1 zwischen dem Kettenblatt (48 Zähne) und dem einzigen Zahnrad hinten (16 Zähne). Um von Islington nach Kensington zu gelangen, sind 1600 Pedalumdrehungen nötig, wobei ich für diese Strecke etwa 210 Kalorien verbrauche.

Radfahren verbessert nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die geistige Verfassung. Das Radfahren gibt mir ein Erfolgserlebnis und ein Gefühl der Unabhängigkeit. Ich bedaure jeden Tag, an dem ich nicht auf eines unserer 16 Fahrräder steigen kann (nach letzter Zählung, verteilt auf drei Städte). Und all diese zusammen kosteten nicht einmal so viel wie ein halbes Gebrauchtauto.

Grund genug, das Fahrrad an seinem 2009. Geburtstag zu feiern.
https://​www​.un​.org/​e​n​/​o​b​s​ervan…

#32 Hacking Gutenberg’s workshop moves to a new studio: next door.

(deutscher text weiter unten)
We never found
a sponsor for our non-profit letterpress workshop, and eventually, the large space that we had been in since 2013 ended up being too expensive. So last summer, we moved one door over to a much smaller space. Same address, same website, same phones, same people. Just fewer presses. We have six presses in storage as well as too many boxes with books and magazines. 

The new studio is now back in operation. Three proofing presses and three Boston platen presses can now handle workshops for up to six people at the same time. We piled the cases up to the ceiling and managed to accommodate most of our wood- and metal type. The cellar has more type – not convenient, but at least we didn’t have to throw any of it away. Down there we keep a scoring machine, a cardboard cutter, a Linotype metal saw, and a Polytype block leveller (don’t ask – I’ll write more about that once it’s up and running)

The room with paper storage, the guillotine paper cutter, the Glowforge laser, the Risograph, and the Ludlow type caster, as well as storage for our shop is still down the hall – a little cramped, but functional. 


The espresso machine came along, of course, and so did most of our books on type and typography. The small room upstairs is now the office for toc The Other Collection, run by Birgit Schmitz. You’re always welcome to browse our library of ten titles so far, feel the paper, see the polymer printing plates and pick up a catalogue.

We’re happy in the new space and starting to experiment with some very old type, make posters with our vast range of Akzidenz Grotesk, and enjoy printing little things with our brand-new Hobo platen from 1965 (never been used until now). But that’s another story. ★





Die Hacking Gutenberg Werkstatt ist umgezogen:
nach nebenan.

Den Sponsor für unseren gemeinnützigen Buchdruck-Workshop haben wir nie gefunden, und allmählich wurde uns der große Raum, den wir seit 2013 genutzt hatten, zu teuer. Deshalb sind wir letzten Sommer eine Tür weiter in eine viel kleinere Werkstatt umgezogen. Gleiche Adresse, gleiche Website, gleiche Telefonnummern, dieselben Leute. Nur weniger Andruckpressem. Wir haben noch sechs Pressen im Lager sowie viel zu viele Kisten mit Büchern und Zeitschriften.

Die neue Werkstatt ist nun wieder in Betrieb. Drei Andruckpressen und drei Boston-Tiegel ermöglichen nun Workshops für bis zu sechs Personen gleichzeitig. Wir haben die Schriftkästen bis zur Decke gestapelt und es geschafft, den Großteil unserer Holz- und Metall-Lettern unterzubringen. Im Keller gibt es noch mehr Schrift – nicht gerade praktisch, aber zumindest mussten wir nichts davon wegwerfen. Dort unten haben wir eine Nutmaschine, einen Kartonschneider, eine Linotype-Metallsäge und eine Polytype-Fräse auf (fragt nicht – ich werde mehr darüber schreiben, sobald sie in Betrieb ist).

Der Raum mit dem Papierlager, der Schneidemaschine, dem Glowforge-Laser, dem Risographen und der Ludlow-Gießmaschine sowie dem Lager für unseren Shop befindet sich immer noch am Ende des Flurs – ein wenig beengt, aber funktional.

Die Espressomaschine ist natürlich mitgekommen, ebenso wie die meisten unserer Bücher über Schrift und Typografie. Der kleine Raum im Obergeschoss ist nun das Büro von toc The Other Collection, dort arbeitet Birgit Schmitz. Ihr seid jederzeit herzlich eingeladen, unsere bisherigen zehn Titel in die Hand zu nehmen, das Papier zu fühlen, die Polymer-Druckplatten anzuschauen und einen Katalog mitzunehmen.

Wir fühlen uns wohl in den neuen Räumlichkeiten und haben angefangen, mit einigen unserer ältesten Holzschriften zu experimentieren, Plakate mit unserem umfangreichen Sortiment an Akzidenz Grotesk zu gestalten und kleine Dinge mit unserem brandneuen Hobo-Tiegel aus dem Jahr 1965 zu drucken (die bis jetzt noch nie benutzt wurde). Aber das ist eine andere Geschichte. ★

#31 The Hand is the Window onto the Mind

Immanuel Kant

(deutscher text weiter unten)

Today’s generation of craftsmen, designers, marketing professionals and MBAs grew up with the internet and digital devices. They are fully networked both professionally and privately. Now that everything is digital and learning to handle both new processes and devices has taken up a lot of time, money and attention, we’ve reached a plateau, a level state which offers an opportunity to take stock and consider the way forward.

A movement back to analogue is one of the consequences of this pause. We are beginning to understand that digital processes are not ends in themselves, but that they should improve our lives in a world that is analogue by definition: nature will always consist of atoms rather than bits. In the Internet of Things, both worlds come together. If we want to take advantage of the opportunities this development offers, we must be proficient in both worlds. Suddenly, many people working in the digital economy are once again interested in concrete craft skills. This has nothing to do with nostalgia or impractical leisure activities. Touching something beyond a keyboard means creating an object that does not just consist of an obscure system of zeros and ones. It also appeals to the senses, especially our common sense, a rare commodity that tends to be missing when we’re faced with digital processes”.

We do know that our brain is very aware of how we read what and in which medium. You can feel, smell and touch a book. It has a pause button. Reading on the internet, on the other hand, drives us from one thing to the next – we want more and more, but retain less and less. What we touch with our hands, we grasp (sic) more quickly and retain longer because it connects our memory to a space and not just to the flat dimensions of scrolling and swiping.

When it comes to software, we are prisoners of the immediate”. Everything is available immediately and everywhere (provided the battery is charged), nothing really requires real effort. Having achieved something this swiftly and without any real involvement leaves us unsatisfied.

In his letters On the Aesthetic Education of Man, written in 1793, i. e. after the French Revolution but before the Industrial Revolution, Friedrich Schiller (!) already noted that people were alienated by the division of labour and specialisation. Man becomes an imprint of his business, his science.” The theorist has a cold heart”because he dissects the whole and is thus deprived of its emotional impact, while the businessman has a narrow heart” because he cannot see beyond his own horizon and cannot see the whole. Through beauty, harmony can be restored between the abstract and the emotional. For a baker, this can be a loaf of homemade bread, for a shoemaker, a hand-sewn shoe, and for a compositor, a line of hand-set type. The urge to play gives us back the strength that alienated work has taken away from us.


Make something worthwhile again
Courses in hand typesetting and letterpress printing are booked by software companies that want to give their coders and interface designers a grounding in practical skills. A bakery in Berlin bakes bread and rolls behind a glass wall in its shop and they actually taste like something real again. People queue up – for bread! The bakery now has several branches (even one in central London!), and everywhere small shops open whose bread is more expensive than that from industrial bakeries, but tastes of grain instead of artificial flavourings. A shoemaker’s workshop in Kreuzberg is struggling to find trained people who can meet the demand for handmade shoes. Many programmers and designers in Berlin’s countless digital agencies ride their homemade bicycles to the office. They organise internal Maker Days where, in addition to small digital gadgets, they repair old-fashioned espresso machines and bicycles.

These people are not iconoclasts or nostalgics, but people who live the Internet of Things by using digital means to produce analogue objects. During my recent jaw surgery, the doctor used a drilling template produced with a 3D printer – a small, inconspicuous and inexpensive tool that saved time and avoided pain. At the baker’s, digital technology may be limited to the online shop, while the shoemaker takes a scan of his customers’ lasts and prints” them on a 3D printer. He then sews the shoes by hand around these lasts.

I have not encountered any ideological reservations among these colleagues – on the contrary, cooperation across traditional boundaries of the old guilds is common and fruitful. Most of these new creative makers started small, brewing their first beer in a basement or assembling furniture in a tiny shop. After their initial growth phase, they often had to move to the suburbs, far away from their customers, employees and clients while the new digital Creative Industries have organised themselves into clusters and taken over those cool” spaces where planks were once planed, paints mixed, metal welded and dough kneaded. Screens have replaced workbenches and only new professionals of all stripes can afford the rents.

This creative industry is based on digital tools and largely creates digital products. Now this scene is gaining an analogue foothold. There are many connections and overlaps between the two, as many founders and creators, as well as consumers, come from creative professions or supply them. Creatives are known to always be slightly ahead of developments. If we extrapolate these scenarios into the near future, the motto would be:

Analogue is dead, long live analogue! Or to put it in more scientific terms:
The analogue is the conditio sine qua non of the digital. ★


Die Hand ist das Fenster zum Geist
Immanuel Kant

Die heutige Generation von Handwerkern, Gestaltern, Marketingleuten und Betriebswirten ist mit dem Internet und digitalen Geräten aufgewachsen. Sie sind sowohl im Beruf als auch privat voll vernetzt. Nachdem die Digitalisierung und der Erwerb der damit verbundenen und erforderlichen Geräte und Fähigkeiten viel Zeit, Geld und Aufmerksamkeit beansprucht hat, ist nun ein Plateau erreicht. Ein ebener Zustand also, der Gelegenheit bietet, Bestand aufzunehmen und über den weiteren Weg nachzudenken.

Die Bewegung zurück zum Analogen ist eine der Folgen dieses Innehaltens. Wir beginnen zu begreifen, dass digitale Prozesse keine Selbstzwecke sind, sondern unser Leben in einer zwangsläufig analogen Welt verbessern sollten. Die Natur wird immer aus Atomen anstatt aus Bits bestehen. Im Internet der Dinge kommen beide Welten zusammen. Wenn wir die Chancen nutzen wollen, die diese Entwicklung bietet, müssen wir in beiden Welten firm sein. Plötzlich ist daher das Interesse vieler in der digitalen Wirtschaft tätiger Menschen wieder konkreten handwerklichen Fertigkeiten zugewandt. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun oder praxisferner Freizeitbeschäftigung. Aber etwas jenseits einer Tastatur anzufassen heißt auch etwas zu schaffen, das nicht in einem verborgenen System aus Nullen und Einsen besteht, sondern das auch sinnlich zu begreifen ist.

Inzwischen wissen wir, dass unser Gehirn sehr wohl weiß, wie wir was in welchem Medium lesen. Ein Buch fühlt man, riecht man, berührt man. Es hat einen Pause-Knopf. Lesen im Internet hingegen treibt uns von einem zum nächsten – wir wollen immer mehr, behalten aber immer weniger. Was wir anfassen, begreifen“ wir schneller und behalten es länger, weil es unsere Erinnerung mit einem Raum verbindet und nicht nur mit den zwei Dimensionen des Scrollens und Wischens.

Im Umgang mit Software sind wir Gefangene des Soforts“. Alles ist sofort und überall verfügbar (vorausgesetzt der Akku ist geladen), nichts muss man sich wirklich erarbeiten. Ergo gibt es auch keine Befriedigung, etwas erreicht zu haben.

Friedrich Schiller (!) schreibt in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen schon 1793, also nach der Französischen, aber noch vor der Industriellen Revolution, dass die Menschen durch Arbeitsteilung und Spezialisierung entfremdet seien. Der Mensch wird zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft. Der Theoretiker hat ein kaltes Herz, weil er das Ganze zergliedert und damit der emotionalen Wirkung beraubt wird, während der Geschäftsmann ein enges Herz hat, denn er kann über seinen Horizont nicht hinausschauen und das Ganze nicht sehen. Durch Schönheit kann die Harmonie wiederhergestellt werden zwischen dem Abstrakten und dem Emotionalen. Für einen Bäcker kann das ein selbstgebackenes Brot sein, für den Schuhmacher der genähte Schuh und für den Setzer eine handgesetzte Zeile. Der Spieltrieb gibt uns die Kraft zurück, die uns die entfremdete Arbeit geraubt hat.

Wieder gut machen

Kurse für Handsatz
und Buchdruck werden gebucht von Softwarefirmen, die ihren Codern und Interface-Designern Bodenhaftung vermitteln wollen. Eine Bäckerei in Berlin-Mitte backt dort im Laden Brot und Brötchen hinter einer Glasscheibe, die wieder nach etwas schmecken. Die Leute stehen Schlange – für Brot! Inzwischen hat der Bäcker vier Filialen in Berlin und sogar eine in London! Allenthalben gibt es wieder Bäckereien, deren Brot teurer ist als das aus den Backfabriken, aber es schmeckt nach Getreide anstatt nach künstlichen Aromen. Eine Schuhmacherei in Kreuzberg tut sichschwer, ausgebildete Kollegen oder Kolleginnen zu finden, die die Nachfrage nach handgefertigten Schuhen bedienen können. Viele Programmierer und Designer in den unzähligen Digital-Agenturen in Berlin fahren mit dem selbstgebauten Fahrrad ins Büro. Sie veranstalten interne Maker Days“, bei denen sie neben kleinen digitalen Spielereien auch altmodische Espressomaschinen und Fahrräder reparieren. Dabei sind das keine Bilderstürmer oder Nostalgiker, sondern sie leben das Internet der Dinge, indem sie digitale Mittel nutzen, um analoge Gegenstände herzustellen. Bei meiner Kieferoperation neulich setzte die Ärztin eine mit einem 3-D-Drucker hergestellte Bohrschablone ein – ein kleines, unscheinbares und billiges Werkzeug, das Zeit sparte und Schmerzen vermied. Beim Bäcker mag sich das Digitale auf den Onlineshop beschränken, während der Schuhmacher die Leisten seiner Kunden als Scan abnimmt und auf einem 3-D-Drucker printed“. Die Schuhe näht er dann von Hand um diese Leisten

Ideologische Vorbehalte habe ich unter diesen Kollegen nicht erfahren – im Gegenteil, die Zusammenarbeit über traditionelle Grenzen der alten Zünfte hinweg sind üblich und fruchtbar. Die meisten dieser neuen Macher-Unternehmen haben klein angefangen, im Keller das erste Bier gebraut oder in einer kleinen Ladenwohnung Möbel geschraubt. Oft hat es sie nach dem ersten Wachstumsschritt in die Randbezirke verschlagen, weit ab von ihren Kunden, Mitarbeitern und Auftraggebern. Die digitale Kreativwirtschaft hat sich derweil in Clustern organisiert. Ein breiter Streifen mit ehemaligen Fabriketagen und Gewerberäumen, in denen früher auch Späne gehobelt, Farben gemischt, Gewinde geschnitten und Teig geknetet wurde, zieht sich quer durch Berlin. Heute sitzen dort Kreativschaffende jeder Couleur in Agenturen, Ateliers und Büros vor ihren Bildschirmen. Diese Kreativwirtschaft basiert auf digitalen Werkzeugen und schafft größtenteils wiederum digitale Produkte. Nun bekommt diese Szene ein analoges Standbein. Es gibt viele Verbindungen und Überschneidungen zwischen beiden, denn sowohl viele Gründer und Macher als auch die Konsumenten kommen aus kreativen Berufen oder liefern diesen zu. Die Kreativen sind bekanntlich immer den Entwicklungen etwas voraus. Extrapolieren wir diese Szenarien in die nahe Zukunft, dann heißt die Devise (natürlich auf Denglisch): Analog is dead, long live Analog! Oder etwas wissenschaftlicher ausgedrückt:
Das Analoge ist die conditio sine qua non des Digitalen. ★