#36 Gutenberg-Preis 2026
Erik Spiekermann erhält den Gutenbergpreis der Stadt Mainz
(K)eine Laudatio
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Haase, liebe Gäste aus Mainz und der Welt, lieber Erik, liebe Susanna, liebes Publikum, als ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen kann, Erik Spiekermann zu laudatieren,sagte ich sofort „ja“, schließlich wünsche ich ihn mir schon lange als Gutenbergpreisträger der Stadt Mainz. Als ich dann anfing, Ideen zu sammeln, merkte ich:
Erik ist so ganz und gar nicht der Typ für die wohlfeile Aneinanderreihung seiner Verdienste und Leistungen – obwohl es die zuhauf gibt. Erik ist ein Macher, ein Arbeiter, ja, fast ein Getriebener – und ganz und gar nicht der Typ „honoratioriger Geehrter“. Diese Preise haben ja immer etwas Lebenswerk-krönendes, damit aber auch etwas von Abgesang. Und dafür ist Erik Spiekermann viel zu agil und viel zu sehr mittendrin: Mittendrin in seinem Drucksaal. In seinem Leben voller Energie, immer offen für alles Neue. Und deshalb gibt es keine Laudatio, sondern eine Lektion:
Lernen von Erik.
Was habe ich von ihm gelernt und was können wir alle von ihm lernen? Und das ist ganz schön viel.„Don’t work for assholes, don’t work with assholes“– eines seiner ikonischen Plakate und die erste Lektion. Erik selbst hat die hart gelernt. „Better done than perfect.“„Use your fucking brain!“ Alles Botschaften auf Blei- oder Holzsatz-Plakaten, die in seiner Werkstatt entstehen und in Agenturräumen und Coworking Spaces hängen, wo immer ich hinkomme.
Lernen von Erik.
Weil wir jetzt ins Deutsche wechseln, ein Hinweis: Erik redet nur mit Menschen, die er mag. Und wen er mag, den duzt er, also verwende auch ich jetzt das Du.
Lernen von Erik:
Hinterfrage alles! Nicht destruktiv, sondern aus Neugier. Glaube nicht, was Autoritäten sagen. Glaube überhaupt nicht, dass etwas einfach so ist. Bau es auseinander. Setz es wieder zusammen. Verstehe Hintergründe. Erkunde Phänomene. Nutze die Kraft der Analogie. Geh auf die Metaebene! Sei unbequem. Sammele nie nur Wissen, suche Antworten auf Fragen. Hinterfrage diese Antworten.
Erik selbst denkt schon immer so. Spätestens in Zeiten von KI sollten wir alle das von ihm lernen. Wenn du Fahrräder liebst, beginne, sie zu sammeln, Mach dich auf die Suche nach dem besten Fahrrad der Welt. Und wenn du es nicht findest, bau es selbst! Mach dasselbe mit Uhren und Seilzügen an Bücherregalen. Mit Münzen oder Flaggen.„Das habe ich noch nie gemacht“ nimm es als Aufforderung, nicht als Ausrede! Wenn sechs Fahrräder auf einem einzigen Straßenparkplatz für Autos vor deiner Agentur abgestellt werden können, dann stell einen Fahrradständer hin! Wenn die Regler des ruhenden Verkehrs deinen Fahrradständer abbauen wollen, schraub ihn fester an. Verkehrswende kann so einfach sein. Wenn du wegziehst in andere Agenturräume und der Fahrradständer lässt sich nicht mehr abschrauben, weil ja schließlich du ihn so fest verankert hast, lass ihn da – andere freuen sich. Es geht nie nur um dein Fahrrad.
Erik war sicher kein „einfacher“ Schüler. Wahrscheinlich war er nie und nirgends „einfach“. Erik ist kein Bildungskarrierentyp. Ihm geht es nicht um den Abschluss, sondern um den Anschluss. Den Anschluss an Menschen und Phänomene. Es geht ihm auch immer um den anschließenden Schritt – und der darf gerne in eine neue Richtung führen. Erik will alles verstehen, alles und jetzt sofort. Er fragt viel, er versteht schnell – und dann macht er! Arbeitet schon als Schüler in einer Druckerei. Wünscht sich zum Geburtstag Bleisatz. Taucht tief und tiefer ein in das System Typografie. Bis er die Grundsätze versteht. Beherrscht. Und die Typografie-Szene prägt. Dann kündigt ein genialer Amerikaner einen neuen Computer an und Erik ahnt, dass hier gerade eine Revolution vor der Tür steht: Desktop Publishing. Wenn ihn dauernd Gestalter bitten, von irgendwo nach irgendwo Schriften mitzubringen, zieht er Schlüsse daraus: Digitale Schriften werden nicht mehr mit Satzmaschinen verkauft werden. Es wird einen freien Markt für Fonts geben. Wenn das in der Luft liegt, gründe einen Schriftenvertrieb!
Mach alles anders als die anderen. Behandele Fonts wie gestaltete Kulturprodukte. Setz’ radikale Gestaltung ein – und hoch professionelle Vertriebsstrukturen. Mach’ digitale Typografie massentauglich! Definiere den Markt für Schriften neu!
Wenn Gutenberg den Lettern das Laufen beigebracht hat, dann lehrte Erik sie das Fliegen.
Als digitaler Vordenker inszeniert er das klassische Schriftmusterbuch neu. Beauftragt die Crème de la Crème der Kreativszene der Neunziger: die Inszenierung digitaler Fonts in analogen Sammlerstücken. Während andere rein technisch Fonts verkaufen, inszeniert FontShop Typografie kulturell – und bald ist das FontBook dicker als die Kataloge von Quelle, Otto und Neckermann. Daneben kuratiert FontShop eine hauseigene Schriften-Bibliothek: FontFont. Macht Schriftentwerfer zu Stars und Schrift zu einem gesellschaftlichen Thema! Wenn Schrift aus der Nische heraustritt dann schaffe eine Bühne! Erfinde die Type-Conference Typo Berlin. Erik – selbst eher der analytisch-konstruktive Entwerfer von Systemen – versammelte um sich die Kreativstars einer Ära, er machte sie groß – und damit die Grafikdesignszene sichtbar.
Hätte er die Typo Berlin auf den 24. Dezember gelegt, es hätte keine und keinen von uns davon abgehalten, ins Haus der Kulturen der Welt zu kommen!
Überhaupt waren die Begegnungen am Rande der Typo die schönsten „Familienfeste“ ever. Für Erik flogen die Topkreativen um die halbe Welt –und die Welt des Grafikdesign profitierte davon! Freundschaften aufbauen und pflegen – auch das kann man von Erik lernen. Er kann andere groß sein lassen. Kann Menschen machen lassen, wachsen lassen durch Vertrauen! Und dann wachsen sie. Und wachsen ihm ans Herz. Etliche sind heute nur für ihn nach Mainz gekommen.
Wenn in England ein anderer Agenturtypus gedeiht, große Agenturen für große Jobs in großen Unternehmen – eine Professionalisierung des Designs, dann überträgt Erik das – und gründet in Deutschland.
Weil seine Beobachtung richtig ist, weil seine Begeisterung ansteckt und weil er einen Riecher für gute Leute hat und die findet und einbindet, wird MetaDesign schnell groß und größer – und Grafikdesign wird gesellschaftlich sichtbar. Eine Zeit lang hat jeder, wirklich jeder Kreative, den ich kennenlernte, mit Erik für die Berliner Verkehrsbetriebe gearbeitet – gelb war neben feuerwehrrot die zweite Erik-Farbe. FontShop und BVG – alles muss man gelber machen.
Bei MetaDesign lernen, das war damals die „Hohe Schule“ und wir in der Szene beobachteten, was wir „Metastasen“ nannten: unendlich viele Neugründungen, inspiriert und angefixt von Erik – und ihm immer verbunden bleibend. Aber – und auch das kann oder muss man von ihm lernen – Begeisterung kann den Blick verengen. Machenwollen und Ärmel hochkrempeln, Entrepreneurship und vielleicht auch die Annahme, dass andere die eigene Begeisterung immer teilen – das kann dazu führen, dass man sich in Menschen täuscht. Jeder Gutenberg hat seinen Fust. Denjenigen, der denkt, es wäre doch nun wirklich wichtiger, Geld zu verdienen, als neue Ligaturen zu gießen oder Verbindungen draußen zu knüpfen.
Und plötzlich ist die „Werkstatt“ weg. Lernen von Erik heißt in dieser Phase, mit Enttäuschungen umgehen lernen. Wieder mal neu anzufangen. Nie aus dem „Machen-Modus“ rauszugehen. Lernen von Erik heißt aber auch: Wer nicht brennt für das, was er oder sie bewegen will, also für den Inhalt der Unternehmung … wer das, was er oder sie tut, vor allem unter den Gesichtspunkten der Skalierbarkeit, Effizienz und der finanziellen Trag- und Ertragskraft sieht, wird nie eine Strahlkraft aufbauen, die von innen leuchtet. Und so ging mit Erik der Glanz von Meta.
Das Ende einer Ära war auch der Verkauf von FontShop. Monotype hielt nach der Übernahme die sich durchaus selbst tragende Typo-Konferenz für weniger wichtig – und die Branche verlor ihren Herzschrittmacher. Den Rhythmusgeber des Jahres, den Leuchtturm. So was ist dann weg – und gar nicht leicht, wiederaufzubauen.
Aber wir wollen ja weiter von Erik lernen: Wenn deine Druckerei abbrennt, wenn Wasser im Keller oder ein Einbruch in die Agenturräume dir vermeintlich alles nehmen, erkenne: das können solche Ereignisse gar nicht! Du bist du – fang woanders neu an. Egal, was passiert: fang neu an!
Von Erik lernen hieß für mich vor mehr als dreißig Jahren ihm beim Zurichten einer Schrift über die Schulter schauen dürfen. Und weil ich keine Ahnung von Typografie, dafür aber ein ganz gutes Architekturdiplom hatte, übersetzte er mir Typografie in Analogien aus der Architektur – der Funke sprang nachhaltig über – die Architektin wurde Typografie-Verlegerin!
Es wundert mich nicht, dass Erik seinerseits irgendwann sein Traumhaus entworfen und gebaut hat. Und wenn Erik sich eine neue Disziplin erschließt, geht er den Dingen auf den Grund. Er ackert sich so lange durch die Bauordnung Berlins, bis er einen Weg findet, sie für seine Planung und sich zu nutzen. Er jongliert mit Geschosshöhen und Halbgeschossen, bis das vom Amt zu Verunmöglichende eben möglich – und genehmigt! – wird. Ein schmales Townhouse, viel Glas, klare Linien, Mut zu langen, schmalen Räumen, kühlen Materialien, viel Licht – Erik Spiekermann hätte sich auch als Architekt einen Spitzenplatz erobert. Auch das kann man von ihm lernen: Erschließe dir immer wieder neue Welten, stelle dich neuen Herausforderungen, wenn du klar denken kannst, kannst du alles lernen!
Das Haus ist übrigens zu verkaufen.
Von Erik lernen, heißt in Bewegung bleiben: rein körperlich mit Yoga und Radfahren, mental mit Offenheit für Neues. So lud sich vor Jahrzehnten der Digitalpionier Erik Spiekermann, derjenige, der später den ersten Mac in Deutschland orderte, für eine lange Reise so viel Musik auf seinen Computer, dass es bis nach Südfrankreich keine Wiederholung gab. Lange bevor der iPod uns unendlich Musik auf die Ohren gab …
Und was macht der Pionier des Digitalen heute? Im weißen Kittel steht er in seiner analogen Letterpress-Werkstatt p98a und druckt. Hacking Gutenberg! Er kombiniert Holz- und Bleisatz und druckt Plakate und Bücher. Schöne Bücher. Haptische Bücher. Er verlegt wertige Sammlerstücke in einer Welt, die durch Konsumwahn und Plattformen wie Amazon oder Temu ebenso verseucht wird wie durch die unreflektierte Nutzung von KI. Da schließt sich der Kreis.
Von Erik lernen, heißt: alles offen beobachten. Dann das Denken nicht vergessen. Und Stellung beziehen,auch, wenn das unbequem ist. Und dann machen.In diesem Fall eben schöne Bücher. Bücher, die es wert sind, im Neubau des Gutenbergmuseums gesammelt und gezeigt zu werden. Und nicht nur dort: Gönn dir eine Sammlung guter Bücher – auch das kann man von Erik lernen. Nicht als bildungsbürgerliches Statussymbol, sondern weil das Lesen von Texten dem Denken eine andere Art Nahrung gibt als Scrollen, Swipen und Snippets das je können.
Mit jeder Serverfarm, die kalifornische Tech-Milliardäre zur weiteren Enteignung von kreativen Urhebern und zur weiteren Unterwanderung des eigenen Denkens bauen, wächst der Wert des Buches, an dessen Inhalt und Form Menschen miteinander gearbeitet, geschliffen, gestaltet und verarbeitet haben: das Erbe Gutenbergs!
Ich gratuliere dem Gutenbergpreisträger 2026, ich gratuliere Erik Spiekermann von ganzem Herzen!
Karin Schmidt-Friderichs
Karin hat mir erlaubt, diese Nicht-Laudatio zu veröffentlichen.